Gesellschaftsbilder auf Tücher gedruckt

21.01.2019 - Tuch-Rolffs

Bild vergrößern Tuch von Rolffs&Cie.  

Groß angelegtes Projekt unter Mitwirkung und Kooperation des Geschichts- und Altertumsvereins: Vom 22. bis 24. Mai 2019 lief die Tuchdrucktagung in einem historischen Gebäude auf dem Areal der einstigen Kattunfabrik Rolffs & Cie., heute Siegwerk. Begleitend präsentiert eine Ausstellung im Stadtmuseum noch bis zum 14. Juni einer interessierten Öffentlichkeit bedruckte Bildertücher, deren Motive im 19. und frühen 20. Jahrhundert durch ihre inhaltliche Aussage enormen Anklang fanden. Ein öffentlicher Abendvortrag am 23. Mai fand als "Siegburger Museumsgespräch" statt und zeigte die Vielfalt und Aussagekraft der gezeigten Bildersprache. Der Geschichtsverein bedankt sich beim "Arbeitskreis Siegburger Tuchgespräche", dem Dr. Claudia Liebers, Angela Joseph, Bertrand Stern, Franz Josef Wiegelmann und Dr. Dirk Ziesing angehören, für die Organisation.

Kinder, Könige, Kriege, Kolonien

05.06.2019 - Tuchdruck-Breit

Bild vergrößern Eröffnung der Tuchdruckausstellung am 15. Mai 2019 mit dem Referenten Dr. Dirk Ziesing.  

Als "Fenster, durch die sich eine jeweils andere Perspektive auf das 19. Jahrhundert offenbart", beschrieb Bürgermeister Franz Huhn die Exponate der aktuellen Museumsschau "Bildertücher von Rolffs & Cie. im europäischen Umfeld".

Rolffs & Cie. hieß das Vorgängerunternehmen des heutigen Siegwerks. Die Ausstellung im Foyer des Stadtmuseums wurde am 15. Mai 2019 eröffnet, die Besucher erhielten eine fachliche Einführung von Dr. Dirk Ziesing (Foto). Neben den militärischen Instruktionstüchern für Rekruten lassen sich vier Motivgruppen unterscheiden: Kinder, Könige, Kriege, Kolonien.

Die Kindertücher, die im Max-und-Moritz-Stil zu besserem Handeln anleiten, sind die Comics der Kaiserzeit. Auf den Königstüchern verewigten die Tuch-Designer Monarchen aus deutschen, niederländischen oder rumänischen Landen. Ziesing zieht Parallelen zu heutigen Zeitschriften, die sich schwerpunktmäßig der Hofberichterstattung zuwenden. Früher galt die Gleichung "Geburt eines Thronfolgers gleich Tuch", heute heißt es "Geburt eines Thronfolgers gleich Titelbild auf der 'Frau im Spiegel'".

Bildertücher mit Kampfszenen der unterschiedlichsten Kriege mit den Porträts von Feldherren und Strategen fanden reißenden Absatz. Das vorvorige Jahrhundert war schlachtenbesessen. Gern schmückte man sich mit der kolonialen Landnahme in Afrika. Der Tuchrohstoff Baumwolle konnte übrigens aus deutschen Kolonien, etwa Togo, kommen. Lieber war den Europäern echter Cotton aus den Südstaaten der USA, der sich leichter verarbeiten ließ. Lediglich in der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, von 1861 bis 1865, griff man verstärkt zu Alternativen.

Der organisierende "Arbeitskreis Siegburger Tuchgespräche" bedankt sich bei der Städte- und Gemeinde-Stiftung der Kreissparkasse Köln im Rhein-Sieg-Kreis, dem Siegwerk, dem LVR, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Stadtmuseum für die Unterstützung.

Geschichtsverein in der Ausstellung

18.05.2019 - Tuchdruck

Bild vergrößern Geschichtsverein in Tuchdruck-Ausstellung  

Überraschung beim Besuch der Tuchdruck-Ausstellung des Geschichtsvereins im Stadtmuseum. Exkursionsteilnehmer Bruno Deipenbrock zog ein Taschentuch aus dem Ersten Weltkrieg hervor. Der in Halle an der Saale bedruckte Stoff zeigt den westlichen Kriegsschauplatz. Wurde das Tuch eventuell an der Front benutzt? Braune Flecken könnten von Motoröl oder von Blut herrühren.

Ausstellungsmacher Dirk Ziesing, auf dem Foto rechts, war jedenfalls angetan von dem Deipenbrockschen Erbstück.

150 Jahre alte Fake News

11.06.2019 - Jom-Kippur-Tuch-breit

Bild vergrößern Jom-Kippur-Tuch  

Im Rahmen der im Siegwerk durchgeführten Tuchdruck-Tagung, die Experten aus ganz Europa anzog, fand obiges Ausstellungsexponat erhöhte Aufmerksamkeit.

Der Titel des Tuchs ist eine rhetorisch gemeinte Fragestellung: "Haben wir nicht alle einen Vater?" Gezeigt wird ein jüdischer Feldgottesdienst 1870, mitten im deutsch-französischen Krieg, an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. In den Ecken steht, was hier Denkwürdiges passiert sein soll. 1.200 deutsche Krieger jüdischen Glaubens halten inne, zelebrieren den Gottesdienst. Ihre christlichen Kameraden wachen am Rande, schützen die Betenden.

Der Betrachter denkt: Wie weit doch ist die Integration der Juden im 19. Jahrhundert gediehen, wie groß ist die religiöse Toleranz in der Gesellschaft und - als Abbild davon - in der Armee der deutschen Staaten. Genau das war die Intention desjenigen, der das Tuch nach 1870 bei der Firma "Gebrüder Elbers" im westfälischen Hagen in Auftrag gab.

Wie bereits zu erahnen, kommt jetzt ein großes ABER. Die Szene hat sich so nie zugetragen. "Wohl war ein jüdischer Feldgottesdienst mit diesen Ausmaßen geplant", schilderte Referentin Dr. Christiane Twiehaus vom Jüdischen Museum in Köln. "Wir wissen davon, weil ein jüdischer Krieger vom Ort des Geschehens euphorisch an eine jüdische Zeitung in die Heimat schrieb und vom Vorhaben berichtete." Die Zeitung druckte die Feldpost ab.

Am Jom-Kippur-Tag sah es dann freilich ganz anders aus. Kein weites Feld diente als Gottesdienst-Kulisse, sondern ein ärmliches Bauernhaus. Nicht 1.200 jüdische Soldaten versammelten sich, es waren höchstens 70. Klarer Fall von "Fake News".

Um die grandiose Übertreibung zu verstehen, muss man sich die Situation des deutschen Judentums vor rund 150 Jahren vor Augen führen. Mit aller Macht strebte es nach Anerkennung, erhielt durch entsprechende Gesetzgebung die Gleichberechtigung. Die Judaistin Twiehaus schließt nachdenklich: "Genau in dem Moment, in dem Berlin 1871 die volle Judenemanzipation beschließt, sickert im Reich ein neuer Antisemitismus ein."

Der Arbeitskreis Siegburger Tuchgespräche bedankt sich bei der Städte- und Gemeinde-Stiftung der Kreissparkasse Köln im Rhein-Sieg-Kreis für die generöse finanzielle Unterstützung der Ausstellung, die bei freiem Eintritt zu besichtigen ist. Dort hängt das Jom-Kippur-Tuch bis zum 14. Juni 2019.

Kulturschock anno 1870

14.06.2019 - Tuchdruck-breit

Bild vergrößern Lager mit Gefangenen der französischen Armee.  

Der Schock saß tief, als mit den französischen Besatzern nach dem Ersten Weltkrieg afrikanische Soldaten in Siegburg einmarschierten. Was kaum einer weiß: Schon im deutsch-französischen Krieg 1870/71 waren Afrikaner in der Region, damals unter ganz anderen Voraussetzungen. Die deutschen Truppen hatten bei ihrem Vormarsch auf Paris die "Turkos", das waren die Algerier und Tunesier in der französischen Armee, und die "Zuaven", so wurden nordafrikanische Soldaten in orientalischer Tracht genannt, festgesetzt. Im Lager in Wahn hielt man sie gefangen. Für die Zeitgenossen im Rheinland muss diese Gefangenschaft lange Gesprächsthema gewesen sei. Das Bemerkenswerte wurde jedenfalls auf Stoff gebannt und der Nachwelt erhalten. In der aktuellen Stadtmuseumsausstellung "Bildertücher von Rolffs & Cie. im europäischen Umfeld" ist das Motiv zu sehen.