03.12.2018 - ULB-GAV-neu

Exkursion nach Bonn am 29. November 2018

Handschuhe oder nicht? "Das ist eine Glaubensfrage. Ich wasche mir gründlich die Hände und verzichte auf den Schutz meiner Finger."

Handschuhlos holt Daniel Presslmayer den dickleibigen Band aus der gepolsterten Kiste. Eine Interpretation des Lukasevangeliums von Albertus Magnus. Das Buch mit Buchenholzdeckel wurde 1504 gedruckt. Unters T-Shirt stecken, mitnehmen und teuer im Internet anbieten? Schwer bis unmöglich. Videoüberwacht ist diese heilige Halle der Universitäts- und Landesbibliothek zu Bonn, die Ideen des Denkers aus dem Mittelalter lagern im Schutze von Alarm- und Klimaanlage. Dass Bibliotheksmitarbeiter Presslmayer den großen Albert zu Forschungszwecken herausgeholt, geschieht nur selten. Die Texte liegen selbstverständlich handlich-digital vor.

Der Geschichts- und Altertumsverein für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis war am Donnerstag auf Tour. Das 200-jährige Jubiläum der Bonner Uni zog in die Bibliothek am Rhein, wo manch ein Teilnehmer sich einst in einsamen Stunden an der lateinischen Grammatik oder dem Völkerrecht festbiss. Die derzeitige Ausstellung in der ULB ist eine Reise durch den Kosmos der Erkenntnisse, der nicht nur in der virtuellen Ära unendlich erscheint: Immer waren die Menschen, die hier arbeiteten, gefordert, mit den medientechnischen Entwicklungen ihrer Zeit Schritt zu halten. Das Ausbrennen der im Zweiten Weltkrieg noch im Koblenzer Tor beheimateten Bibliothek wird in der Ausstellung thematisiert, von Überflutungen, von Bestellzetteln per Rohrpost - erklären Sie den Begriff mal der Millenniumsgeneration! -, von den Suchmöglichkeiten Opac und Bonnus ist die Rede. Die Geschichtsvereinstouristen schlichen im Flüsterton von Exponat zu Exponat. Lautstärke ist eine Schwäche in der ULB, die eigentlich immer voll ist. In Prüfungsphasen gehört der erste Nutzerblick der Homepage, wo der Füllegrad einzusehen ist.

Warum der Lernort Bibliothek so anziehend wirkt, erklärt Geisteswissenschaftlerin Lisa Kugele in der 200-Jahr-Festbroschüre: "Ich schreibe an meiner Masterarbeit zum Thema 'Migrationspolitik in Libyen'. Mir hilft das Gefühl, unter Beobachtung zu sein. Das motiviert mich, konzentriert bei der Sache zu bleiben, und verhindert, dass ich mich mit anderen Dingen beschäftige." Die ULB übt als Bändiger der Ablenkungsmacht von Facebook und Instagram eine wertvolle Funktion aus.

Teil zwei des Exkursionstags nach Bonn führte den Geschichts- und Altertumsverein ins Goldfußmuseum in Poppelsdorf, untergebracht im Steinmann-Institut für Geologie und Paläontologie an der Nussallee 8.

Sammlungsleiter Dr. Georg Heumann besitzt die Gabe, die ausgestellten Fossilien durch bunte, anekdotenreiche und dennoch wissenschaftlich fundierte Ausführungen zum Leben zu erwecken. Die Gruppe folgte den Spuren des Ichthyosaurus, von der Decke baumelten die Knochen. Die Fischsaurierer-Weibchen gebaren ihre Kinder lebend, zuvor focht der Nachwuchs erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft im Mutterleib aus. Pränataler Kannibalismus inklusive!

Heumann sprach von Zeiten, in denen Bonn-Tannenbusch am Küstensaum lag, die Eifelhöhen waren unbedeutende Hügelchen nahe des Meeres. Er entführte zur Ausgrabungsstätte in Hennef-Rott und damit zwangsläufig in die Urgeschichtsabteilung unseres Siegburger Museums. Er verglich die Ammoniten bildhaft mit einem U-Boot. Die Kopffüßler bedienten sich der Technik des Anblasens.
Bange Frage am Ende der Führung: Kenntnisse von Gesteinen, Erdzeitaltern und ausgestorbenem Leben gut und schön, aber finden Ihre Studenten auch einen Job? "Und ob", gab Heumann zurück. Ein Absolvent mit exzellenter Schreibe arbeitet jetzt in der Wissenschaftsabteilung der FAZ, andere in Planungs- und Umweltbüros.

Der finale Gedanke des Besuchs galt der Belastbarkeit von Mutter Erde. Schaffen wir als Konsumenten und CO2-Emittenten die Erde ab, uns gleich dazu? Der Paläobiologie Heumann erzählt dazu einen in letzter Instanz gar nicht witzigen Witz: Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine den anderen: "Wie geht's?" "Im Moment nicht gut, ich habe Homo sapiens." "Kenn ich, hatte ich auch schon. Ist nicht schlimm, geht vorbei."

23.10.2018 - Hadamar-2

Bild vergrößern In der hölzernen Garage stiegen die Euthansieopfer aus den "Grauen Bussen".  

(Exkursionsbericht Hadamar vom 17.10.2018)

Wie geht eine Gesellschaft mit ihren schwächeren Gliedern um? Oder, um es in den Worten eines an der Exkursion teilnehmenden Priesters zu sagen: "Wie viel zählt der Mensch als Geschöpf Gottes?"

Nach Hadamar ging die letzte Wissensfahrt des Geschichts- und Altertumsvereins. In der Kleinstadt nahe Limburg erinnert eine Gedenkstätte an die Euthanansieopfer der Nazis. Hier fanden zwischen 1941 bis 1945 15.000 Menschen den Tod. Zunächst geistig Behinderte und psychische Kranke aus Westdeutschland. Die Mordaktion mittels Kohlenmonoxid ist unter dem Kürzel T4 bekannt. Die Leichen verbrannte man im Krematorium.
Später, ab Spätsommer 1941, war das Verbrechen nicht mehr zentral aus Berlin gelenkt, sondern fußte auf der teuflischen Eigeninitiative der Anstaltsleitung. Nun injizierte man auch Dementen, tuberkulosekranken Zwangsarbeitern oder schwer traumatisierten Frontsoldaten tödliche Überdosen.

Trotz aller Vertuschungsmaßnahmen, zu denen ein internes Standesamt in der Mordstätte zum Ausstellen von Todesurkunden oder die Busse mit grau abgeklebten Fenstern gehörten, die verschleiern sollten, dass sie voll hin- und leer zurückrollten, wussten die Leute in der Stadt wohl Bescheid. Dennoch fragten die Bewohner Hadamars lieber nicht, was in der leicht erhöht über der Stadt liegenden Landesheilanstalt geschah. Ein Wegsehen und Weghören wie andernorts im Reich.

Widerspruch ist zwar dokumentiert, er bezog sich jedoch lediglich auf die Tatsache, dass die Asche aus dem Krematorium die zum Trocknen aushängende Wäsche verfärbte. Unfassbar - ebenso wie die niedrigen oder gar ausbleibenden Strafen für die Ärzte nach 1945. Die Mediziner hatten persönlich den Gashahn aufgedreht.
Zurück zur eingangs gestellten Frage. Wie werden Gehandicapte in der Gemeinschaft behandelt? Für die Nazis war die Sache klar: Wer nicht arbeitend dem Volke dient, ist nichts wert, ist eine kostenverursachende "Menschenhülse". In einer Textaufgabe aus dem Matheunterricht im Dritten Reich heißt es: "Der Bau einer Irrenanstalt kostet 6 Millionen Reichsmark. Wie hoch ist die Anzahl von Siedlungshäusern, die man stattdessen errichten kann?"

 

21.09.2018 - Regierungsbunker-neu-2

Sanitätsraum im Regierungsbunker  

Exkursionsbericht Ahrweiler (19.9.2018)

Der Regierungsbunker in Ahrweiler, Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts erstbezogen. Insgesamt 17 Kilometer Stollen unter rheinischem Schiefergebirge, der Ausweichsitz der Bundesregierung für den Fall eines atomaren Schlages im Kalten Krieg, der dadurch zum heißen geworden wäre. Hierhin zog es die Exkursionsgruppe des Geschichts- und Altertumsvereins, eine Zeitreise in die Ära der Machtblöcke, der Szenarien für den Dritten Weltkrieg.

Schon vor Weltkrieg Nummer eins grub man Röhren durch zwei Anhöhen des Ahrgebirges. Es war die Zeit des Wettrüstens, der kaiserlichen Arroganz, des Denkens, man könne erst den Erzfeind Frankreich - daher der Eisenbahntunnel bei Ahrweiler gen Westen - und dann Russland bezwingen. Schlieffen hieß der Stratege, der sich für das Projekt in der Weinregion stark machte. Der Krieg kam vor Beendigung des Großprojektes, später wurden hier Champignons gezüchtet, in der Nazidiktatur ließ das Regime unter Tage die "Wunderwaffe" V2 zusammenschrauben. Von Zwangsarbeitern aus dem KZ, an die heute eine Metallplatte am Bunkereingang erinnert. Springen wir weiter, zum Gegenüber von NATO und Warschauer Pakt, zum Regierungsbunker. 20 Tonnen wiegen die Tore von MAN, die sich im Fall einer Atom-Konfrontation mit der Sowjetunion und ihren Satelliten hinter 3.000 Auserwählten geschlossen hätten. Der Rundgang durch die Dokumentationsstätte die Geschichtsfreunde aus Siegburg frösteln, erinnerte die Herren zum Teil an eigene Bundeswehrerlebnisse: Dekontaminationsduschen, prähistorische Fernschreiber, ein fußpedalbetriebener Zahnarztbohrer.

Alle zwei Jahre übte die NATO die Ernstsituation, die nie eintraf. Sogar ein "Ü-Bundeskanzler" war bei den Manövern dabei, ein Übungsbundeskanzler. Die Frauen der Funktionsträger hätten im Falle X keinen Zutritt gehabt, was bei Präsidentengattin Eva Köhler, die dies bei der Einweihung des Museums 2008 erfuhr, zu einem ganz schmalen Mündchen führte. Bunkerführerin Iris Söller-Münch machte ihre Sache exzellent. Sie geizte nicht mit humoristischen Details in der klaustrophobischen Enge, erwähnte zur Erheiterung den Chor, den einst die Techniker bildeten. Die "Bunkerlerchen" waren Deutschlands geheimster Gesangverein. Top Secret war alles, was im Wald neben den Weinbergen geschah. So wollten es die Dienstanweisungen. Die Realität sah freilich anders aus. Im Ahrtal wusste jeder Bescheid. Die noch besser Informierten saßen in Ost-Berlin. DDR-Spione umkreisten die Anlage im lieblichen Rheinland des Klassenfeindes dauerhaft. Stasiunterlagen halfen später sogar bei der Einrichtung der Dokumentationsstätte, die übrigens nur ein Prozent des einstigen Tunnelsystems umfasst. Den Rest demontierte der Bund ab den späten 1990ern.

 

 

AB SOFORT

Neue Öffnungszeiten in der Geschäftsstelle:

Montag-Dienstag 8.00 – 12.00 Uhr

Donnerstag 8.00 – 12.00 Uhr

 


Informationen

Sie sind noch keine 100 Jahre alt wie wir? Macht nichts – gut Ding will Weile haben. Auch junge Leute sind in unserem Verein herzlich willkommen!

Informationen zur Mitgliedschaft



Weiterführende Links

Weiterführende Links